10 Materialfragen…

 

Birgit Knoechl

Materialfragen und rhizomatische Papierarchive

von Franz Thalmair  |  derStandard 26. Juli 2010

Birgit Knoechl in ihrem Gemeinschaftsatelier im ersten Wiener Gemeindebezirk, das sie für einen eigenen Arbeitsraum aufgibt.

Als „organisch“ könnte man, die Ordnung in Birgit Knoechls Atelier beschreiben. Sie teilt sich mit vier Kollegen eine Altbauwohnung im ersten Bezirk – mit Pawlatschenhof und Blick auf den Haupteingang des Stephansdoms. Trotz der Größe der Räume stapeln sich Arbeitsmaterialien, Sammlerstücke, Restbestände von Werk- und Baustoffen und ein Fahrrad bis an die Decke. „Ich werde ein eigenes Atelier beziehen“, sagt die Künstlerin, die ihren Arbeitsmittelpunkt in nächster Zeit in den sechsten Bezirk verlegt: „Wenn man in Ruhe arbeiten möchte, auch für Atelierbesichtigungen, ist es von Vorteil einen eigenen Bereich zu haben.“

Birgit Knoechls Arbeitsraum in der Ateliergemeinschaft ist der kleinste der fünf Räume. Selbst wenn die Absolventin der Akademie der bildenden Künste ihre aus Papier bestehenden Arbeiten einfach zusammenrollen und wiederaufbauen kann, für die Bearbeitung der langen weißen Bahnen braucht sie viel Platz – ein weiterer Grund für den bevorstehenden Umzug. „Ich verwende Papierrollen, die zwischen zehn und fünfzehn Meter lang sind“, so die Künstlerin über ihren Arbeitsprozess: „Sie werden getuscht und mit dem Stainless-Messer bearbeitet, bevor ich die fertigen Schnitte dann im Raum montiere.“

Archivarische Denkmodelle

Trotz des matten Papiers wirken Knoechls Installationen metallisch, die Wucherungen aus Pflanzenhybriden changieren in allen nur erdenklichen Farben. Nicht nur die zarten Brechungen des Tageslichts auf der schwarzen Tusche machen ihre Kunstwerke zu jederzeit wandlungs- und wachstumsfähigen Skulpturen: „Papier ist irrsinnig lebendig“, zeigt sich die Künstlerin von der Qualität ihres bevorzugten Materials begeistert: „Es bewegt sich, je nach Raumtemperatur, je nach Feuchtigkeit, je nach Schwankungen der klimatischen Bedingungen. Manche Arbeiten reagieren auf den Raum: im Laufe der Zeit verändern sich die Werke – sie ziehen sich zusammen, sie dehnen sich wieder aus.“

Im Moment stellt Birgit Knoechl bei der 8. Papier-Biennale in den Niederlanden aus. An zwei Orten –  in Apeldoorn und Rijswijk – ist sie mit ganz unterschiedlichen Kunstwerken vertreten. Im Bibliotheks-, Museums- und Kulturzentrum CODA Apeldoorn zeigt sie die große Installation out of control growth II (2008), eine massive Skulptur, die sich aus einer Ecke des Ausstellungsraums auf die BesucherInnen zuzubewegen scheint – ganz wie der Titel behauptet, ohne Kontrolle und in vollem Wachstum. „Von den großformatigen Modulen habe ich mittlerweile eine Sammlung von etwa dreißig Stück angelegt, das kleine Pflanzenarchiv besteht aus circa achtzig Schnitten“, so die Künstlerin, die das Material Papier unweigerlich mit der Idee des Archivs verbindet und mit modularen Systemen arbeitet. Neben der Installation in Apeldoorn, hat sich die Künstlerin im Museum Rijswijk für die Präsentation einer kleinteiligen Werkserie mit dem Titel DIFFUSION.line_lab_0I (2009) entschieden: geschnittene und gerissene, zum teil geklebte Papierobjekte, die Knoechl mit schwarzer Tusche färbt.

Parasitäre Strategien

„Ich interessiere mich für Literatur und Filme, die von der Invasion organischer Materialien in fremde Territorien handeln“, erzählt Knoechl über eine der assoziationsreichen inhaltlichen Grundlagen ihrer Arbeiten: „Ein Buch, das ich immer wieder aus dem Bücherregal nehme, heißt The Secret Life of Plants von Peter Tompkins and Christopher Bird aus den frühen 1970er Jahren. Darin werden zum einen wirklich absurde Geschichten über das Leben und sogar die Gefühlswelt von Pflanzen erzählt, zum anderen kommt aber auch Politisches zur Sprache – der Kalte Krieg zwischen Amerika und Russland wird beispielsweise auf Pflanzenebene behandelt.“

Auf die Frage, warum die Künstlerin versucht, den zweidimensionalen Raum der Zeichnung mit ihren so genannten cut_outs zu verlassen, antwortet sie offensiv: „Es geht um Okkupation.“ Birgit Knoechl arbeitet mit parasitären Pflanzen und ihren Formen. Sie extrahiert Einzelteile wie Blatt- oder Blütenformen, abstrahiert diese, vergrößert sie und setzt sie wieder zu neuen Pflanzenformen zusammen. „Ich arbeite mit Samples und Re-Samples von rhizomatischen Strukturen. Wenn ich die Tuschezeichnungen aus dem Papier ausschneide, definiere ich die zweidimensionale Linie der Zeichnung neu… und definiere sie nochmals, wenn ich die Arbeiten im Raum installiere.“

Szenische Herangehensweisen

Bei einer ihrer Installationen mit dem Titel as much as I can (2005) führt die Künstlerin das Spiel mit der Zwei- und Dreidimensionalität und die sich wiederholende Neuinterpretation einer Idee von Zeichnung geradezu exemplarisch vor. Das Objekt, einen einzelnen Schnitt, hat sie im Raum so montiert, dass die Beleuchtung der Skulptur Schatten auf die sie umgebenden Wände wirft. „Schatten erzeugt Raum“, so Knoechl, „es geht mir um das Dazwischen.“ Dieses Interesse rührt von ihrem Studium der Theaterwissenschaft sowie von der Tätigkeit als Bühnenbildnerin und -ausstatterin. In den vergangenen Jahren hat sie regelmäßig Projekte in Zusammenarbeit mit der Theatergruppe dielaemmer realisiert.

„Der Prozess ist bei dieser gemeinschaftlichen Arbeit anders – in erster Linie ordnest du dich dem Ausgangstext unter und es gibt Regieanweisungen, an die du dich halten musst“, erklärt die Künstlerin den Unterschied: „Im Gegensatz zu meiner künstlerischen Arbeit versuche ich bei der Theaterarbeit, dem Text und der Regisseurin zu entsprechen – das baut sehr stark auf Kompromissen auf.“ Eine ihrer aktuellen Produktionen, das nach Fernando Pessoa arrangierte und inszenierte Stück Ein ganz ausgefallenes Abendessen, das im August 2009 Premiere am Wiener Schauspielhaus hatte, wurde Anfang Juli 2010 beim Festival Internacional de Teatro de Almada im Lissaboner Nationaltheater gezeigt.

Gesellschaftspolitische Motive

„Ich inszeniere – ja“, sagt Knoechl ohne Einschränkungen und bezieht sich damit sowohl auf ihre Tätigkeit im Theater, als auch auf ihre Installationen: „Ich betrete einen Raum und lasse diesen einmal auf mich wirken. Aus meinem Archiv wähle ich dann je nach den Bedürfnissen des Raums ein Set an Schnitten aus: braucht es einen helleren, braucht es einen dunkleren…? Wenn ich keine passenden Module finde, produziere ich neue Formen und Schnitte, die im Anschluss wieder ins Archiv aufgenommen werden.“

Neuere Arbeiten, bei denen Knoechl ebenfalls mit Schatten operiert, stehen am Boden ihres Arbeitsraums: schwarz gerahmte, etwa zehn Zentimeter tiefe Kästen, deren Hintergrund weiß gehalten ist. Hinter der Plexiglasplatte auf der Vorderseite der Bilder präsentieren sich Schnitte – wieder organische Formen – manchmal nur ein einzelner, manchmal mehrere, die sich überlagern. Je nach künstlichem oder natürlichem Lichteinfall, je nach Intensität der aufgetragenen Tusche, je nach Blickwinkel der BetrachterInnen werfen die ausgeschnittenen Zeichnungen Schatten auf den weißen Hintergrund – nicht wie bei den großformatigen Arbeiten als Verdoppelungen im umgebenden Raum, sondern lediglich in einem durch den Rahmen begrenzen Ausschnitt des großen Ganzen.

Wachstum und Strukturen, die Idee eines großen Hybridarchivs und die Lebendigkeit des Materials Papier paaren sich in Birgit Knoechls Kunstwerken zu subtilen, in den Raum wachsenden organischen Formen.

Neophyten, jene Pflanzentypen, die der Künstlerin unter anderem als Vorlage für ihre Module dienen, sind Lebewesen, die auf Wanderschaft gehen oder – wenn man so möchte – emigrieren: sie kommen in eine neue Gegend, siedeln sich an und vertreiben mitunter die heimischen Pflanzen. „Das ist ein gesellschaftspolitisches Thema“, sagt Birgit Knoechl abschließend: „Ich versuche wissenschaftliche und politische mit ästhetischen Aspekten zu verbinden, ohne dabei die thematisierten Sachverhalte explizit zu machen – das hemmt die BetrachterInnen.“ Die zahlreichen Gedankenwelten, die sich einem vor Knoechls Installationen eröffnen sind alles andere als einengend: vielschichtig – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, in der Tat.

Text by Franz Thalmair

 

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