15 ASPECTS OF GROWTH_Julya Rabinowich_d/en

ASPECTS OF GROWTH

PROLOG

Das Wuchernde ist so tödlich wie lebensspendend. Das Wuchernde ist außer Kontrolle. Die Pflanzenkörper brechen aus Ecken hervor, lauern dem Zuschauer auf, überziehen Saalwände, winden sich aus Belüftungsrohren, überschreiten Grenzen. Die Installationen Birgit Knoechls sind eine bedrohliche Naturgewalt. Der üppig barocke Schwarzweißdschungel überfordert und verführt, erschrickt und lockt. Sattschwarze kompakte Arbeiten, die an Mutationen zwischen Insekt und Pflanze gemahnen, überwiegend in weiß gehaltene zarte Cut_out Objekte, spielerisch in Licht und Schatten. Das Wachstum ist im ureigensten Sinn als work in progress zu verstehen: Installationen unterschiedlichster Größen entstehen allesamt aus einem modularen System. Doch manchmal nimmt die Arbeit auch den umgekehrten Weg, nicht den der urknallhaften Ausbreitung, sondern den des Rückzugs in die Wunderkammer der Renaissance: sicher hinter dem Glas kleiner Schaukästen in Zaum gehaltene Pflänzchen, filigran und zerbrechlich, beispielsweise in langen Reihen eines beeindruckenden Pflanzenarchivs auf Museumswände gebannt. Dann wieder kleine, streng dezente Tuschezeichnungen, die mit den kantig kristallinen kompakten Objekten kontrastieren. Zurückhaltung und Explosion: das sind die beiden Pole, zwischen denen Birgit Knoechls Arbeit oszilliert. Zwischen Science-Fiction-Film und historischem Archiv: ein Alpha und Omega ist diese Zähmung und ihr Gegenspieler, das ekstatische Wachstum.

Text by Julya Rabinowich

published in ASPECTS OF GROWTH – BIRGIT KNOECHL / 2015 / Vfmk Verlag für moderne Kunst


ASPECTS OF GROWTH 

PROLOGUE

Rampant growth is just as deadly as life-giving. Growth out of control. Phytobodies spurt from the corners, ambush the viewers, cloak the walls, writhe out of ventilation pipes, cross borders. Birgit Knoechl’s installations are menacing forces of nature. The baroque black and white jungle overwhelms and seduces, terrifies and entices. Compact pitch-black works, reminiscent of mutations between insects and plants, delicate predominantly white cut_out objects, playful in light and shadow. By definition this growth is a work-in-progress: installations of all different shapes and sizes evolve from a modular system. But sometimes the works take the opposite path, not Big Bang proliferation but a retreat into the Renaissance chamber of wonders: plants safely kept behind the glass of little display cases, filigree and fragile, banished into long rows of an impressive plant archive on museum walls. In turn, the austere and discreet, small ink drawings juxtaposed with edged crystalline objects. Restraint and explosion: These are the two poles between which Birgit Knoechl’s work oscillates. Between science fiction film and historical archive, alpha and omega, taming and its opponent, ecstatic growth.

Text by Julya Rabinowich

translated by www.whysociety.org