15 Linie, Eckstein, Molekül_ Jan Verwoert_d/en

Linie, Eckstein, Molekül

(über Vorsicht und Mimetik)

Für Birgit Knoechl

Und wenn es nichts von dir will? Und erst recht nichts von dir braucht? Sondern irgendwo da draußen wartet? Auf den Tag. Auf etwas Regen. Oder Sonne. Oder auf Reize und Erschütterungen, die deine Sinne ohnehin nicht wahrnehmen würden. Es: das Ding, das Tier, das Gewächs, das Wetter, das organische und anorganische Leben. Deine Gefühle, Gedanken und Worte werden es nicht berühren. Den Wassermolekülen ist es egal, ob dich der Regen bis auf die Haut durchnässt. Und der verhangene Himmel wird sich nicht öffnen, nur weil du dich nach Licht sehnst. Zumindest gibt es keine eindeutigen Anzeichen dafür, dass es anders wäre. So stellen wir uns die Natur als eine Welt voller Dinge, Kräfte und Phänomene vor, die, was sie sind, ganz für sich sind, und auf eine Art ganz bei sich bleiben. Im Gegensatz zu uns Menschen, die wir der Gegenwart stets voraus eilen und glauben kraft unseres Bewusstseins die Dinge durchdringen, verstehen und beherrschen zu können. Eine Anmaßung. Was würde das Bewusstsein in seine Grenzen verweisen, wenn nicht die Tatsache, dass kein Wissen der Welt dem Wasser je seine Nässe nehmen wird? Vielleicht ist der entscheidende Schritt, der in Kunst und im Denken zu vollziehen ist also diese Grenzen anzuerkennen und klarzustellen: Mein Bewusstsein endet hier. Auf dieser Linie. Und diese Linie überschreite ich nicht. Ich ziehe sie. Und berühre sie auf meiner Seite. Was diese Linie auf der anderen Seite berührt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Nur so viel: als Grenze bildet die Linie zumindest eine Berührungsfläche, eine Achse, auf der die Dimensionen aufeinander treffen, ein Knick in der Welt, um den sich herum Dimensionen der Wirklichkeit auf – und auseinanderfalten könnten.

Und wenn du es doch kennst? Viel besser kennst, als du denkst? Es: das Ding, das Tier, das Gewächs, das Wetter, das organische und anorganische Leben. Denn wieso sollte die Natur da draußen still für sich ihre Sache machen? Immerhin bist du Teil von ihr. Und sie durchwirkt dich ständig. Schon wenn du kalte Füße bekommst und dir die Bodenkälte langsam im Körper emporkriecht. Roger Caillois schreibt, am Tag seien Körper zwar vergleichsweise lichtundurchlässig, in der Nacht aber gehe die Dunkelheit dir unter die Haut und durchflute den Körper ganz.[1] So wie Radiowellen dich durchdringen. Wenn du der Welt nicht als Fremdkörper entgegentrittst, sondern in ihr bist, warum tun wir dann so, als sei sie ein Außen, als läge ein Schleier über ihr, hinter dem die Dinge im Verborgenen lebten. Als ob wir beim Gang durch die Natur ständig aufsagten: ”Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir und vorder mir gilt es nicht! Und an allen Seiten nicht!“ Was, wenn der Eckstein nicht versteckt, sondern in und außer uns immer gegenwärtig wäre? Dann müsste man spekulative Physik verstehen lernen.[2] Oder mehr Kunst machen. Denn was wäre Kunst, wenn nicht — seit Urzeiten, wo sie noch ausdrücklich als Totem- und Fetischmacherei verstanden wurde — der Versuch mit den Kräften der materiellen Welt in Verbindung zu treten. In Verbindung treten heißt nicht Übersetzen zwischen menschlicher und nichtmenschlicher Sprache (durch Lichtorgel spielen vor Außerirdischen, Entschlüsselung von Eiskristallformen oder Sprachunterricht für Kakteen[3]). Es läuft hier nicht ab wie bei Verhandlungen zwischen zwei Parteien. Denn die Verbindung besteht bereits, insofern bestimmte Prozesse synchron in unterschiedlichen Organismen und Dingen stattfinden. Pflanzen zum Beispiel scheinen Geschehnisse in ihrer Umgebung mitzuvollziehen. Der Schmerz eines Organismus in der Nähe einer Pflanze finden in ihr eine Entsprechung in messbaren Erregungszuständen. Auf vergleichbare Weise lassen sich in Senfkeimlingen elektromagnetische Frequenzmuster messen, die mit der von Planetenbewegungen exakt übereinstimmen.[4] Wenn sich Kräfte, Impulse, Schwingungen und Affekte also parallel im Medium verschiedener Körper auswirken sollten, dann gäbe es eine Art multimediale Mimetik in der Natur. Was mir durch Mark und Bein geht, mag im selben Moment die Blattadern einer Pflanze durchlaufen. Und was das Wetter macht und Wolken in den Himmel setzt, magnetisiert die Elektronen in meiner Hirnrinde gleich mit. Die Musik der Sphären erklingt multitimbral mit einer überlagernden Stimme.

Für einen von Vorsicht getragenen, Grenzlinien ziehenden Denkansatz werden sich genauso gute Gründe finden lassen, wie für eine mimetische Prozesse nachzeichnende, spekulativ empathische Form der Annährung an die Natur der Welt. Und es ist keine Frage der Wahl oder Glaubensentscheidung. Denn beide Formen des Wissens gibt es heute, so oder so. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, Wege zu finden, mit der Tatsache umzugehen, dass die vorsichtige und die mimetische Sichtweise gleich wahr sein könnten.

Das Besondere an der Arbeit von Birgit Knoechl liegt darin, dass sie sich künstlerisch auf genau diese Herausforderung einlässt! Sie bewegt sich, ebenso vorsichtig Linien ziehend wie multimedial mimetische Formen gestaltend, in einen Wirkbereich hinein, wo Artefakt und Natur in einem Moment klar auseinandertreten, im nächsten Moment dagegen von mimetischen Gestaltähnlichkeiten, Form- und Frequenzresonanzen durchwirkt zu sein scheinen. Ihr Umgang mit dem Anspruch von Kunst auf die Vergegenwärtigung der Welt ist auf der einen Seite spürbar, ohne jede Anmaßung. Ihre Arbeit sagt nicht: Ich bin Natur. Sie sagt stattdessen offen: Ich bin Tinte auf Papier, Pappe, Latexüberzug, Scherenschnitt und Muster, Arbeit im Medium, keine Repräsentation, kein Rendering des Realen. Entlang der klar gezogenen Trennlinie jedoch lässt Knoechl zugleich Parallelströme fließen. Mit Latex überzogen wird ein aus Pappe oder Papier gefalteter geometrischer Körper auch zu einem Gegenstand mathematischer Fetischmagie. So vermittelt er eine Ahnung dessen, was in diesem Moment simultan und synchron zu Knoechls Zeichnungen und Objekten in anderen Medien der Natur stattfinden mag: in der Geometrie der Dinge, im fraktalen Muster eines Pflanzenwuchses, in der wechselseitigen Überlappung von Blättern oder im Rhythmus der Membranenbewegung eines Organismus im Meer. Ansprüche auf höheres Wissen leiten sich daraus keine ab. Im Gegenteil. Was Wissen in Bezug auf die Dinge der Natur bedeutet, welche Form sie überhaupt nur annehmen können, ist eine Frage, die

Knoechls Arbeit unabweisbar in den Raum stellt, wenn ihr skeptisch agnostischer Zug in den Vordergrund tritt, das Artefakt seine Bedeutung in sich verschließt und dich spüren lässt, dass du nicht wissen wirst, was dieses Ding weiß. Ein Gefühl, das im nächsten Augenblick schon umschlagen kann in eine riskante Ahnung davon, dass dein Körper bestimmte Formen, Resonanzen und Rhythmen besser kennt, als dein Bewusstsein es zugeben würde. Riskant? Weil es mit landläufigen Mitteln vermutlich nicht zu beweisen wäre. Und weil Knoechl sich der falschen Wahl zwischen Skepsis und Mimetik widersetzt und stattdessen den Raum zwischen ihnen betritt. Es ist ihr Risiko, eine Kunst zu machen, die die Grenze zur Natur klar herausstellt und diese zugleich im multitimbralen Zusammenklang von Linien und Materialien mit Körpern, Gestalten, Volumen und Kräften aufhebt. Ohne Beweise und Rechtfertigungen. Aber mit dem Mut, Gespür und Humor einer Einlassung auf das ontologisch Ungewisse, das heißt, wirklich mit den Mitteln von Kunst.

Text by Jan Verwoert

published in ASPECTS OF GROWTH – BIRGIT KNOECHL / 2015 / Vfmk Verlag für moderne Kunst

[1] Roger Caillois: Mimétisme et la psychasthénie légendaire. In Minotaure 7, 1935.

[2] Zum Beispiel in ihrer philosophischen Deutung durch Karen Barad in: Meeting the Universe Halfway, Duke University Press, Durham 2007. Ich danke Federica Bueti fürs Vorlesen.

[3] Viele parawissenschaftliche Untersuchungen fallen genau an dem Punkt hinter ihre Intuitionen zurück, wo sie sich der Welt der Phänomene doch wieder nur in konventioneller Weise als einem Gegenüber nähern, dem wir etwas vermitteln oder entlocken könnten, wenn wir nur den Code für die Informationsübermittlung besäßen. Ikonische Beispiele wären die Begrüßung von Außerirdischen mit einer kybernetischen Lichtorgel in Steven Spielbergs Close Encounters of the Third Kind (1977), die Ausdeutung von Wasserkristallformen als genormte Symbolsprache durch Masaru Emoto, oder die im FilmThe Secret Life of Plants (1979) dokumentierten Versuche des Wissenschaftlers Ken Hashimoto, Kakteen Japanisch beizubringen.

[4] Viele überzeugende Beispiele für derartige Phänomene finden sich in dem Buch The Secret Life of Plants von Peter Tompkins und Christopher Bird (Harper & Row, New York 1973) und der Filmadaption durch Walon Green (1979), so auch die Experimente von L. George Lawrence mit Senfkeimlingen. Vielen Dank an Birgit Knoechl für den Hinweis auf Buch und Film!


Line, Cornerstone, Molecule

(On Caution and Mimicry)

For Birgit Knoechl

And what if it doesn’t want anything from you? And certainly doesn’t need anything from you? Rather waits somewhere out there? For the day. For some rain. Or sun. Or for stimuli and vibrations your senses anyway wouldn’t perceive. It: the thing, the animal, the growth, the weather, organic and inorganic life. Your feelings, thoughts, and words won’t touch it. Water molecules don’t care if the rain soaks through to your skin. And the overcast sky will not part just because you are craving light. At least there is no clear evidence that it would be otherwise. That’s how we see nature: as a world full of things, forces, and phenomena, which are what they are completely on their own, and they remain true to themselves in a certain way. In contrast to us humans, who constantly run ahead of the present and believe we can permeate, understand, and control things with the power of our consciousness. A pretense. What better indication of the borders of consciousness when not the fact that no knowledge in the world can ever take the wetness out of water? Perhaps the decisive step to be consummated in art and thought is therefore to recognize and clarify these borders: My consciousness ends here. At this line. And I do not cross this line. I draw it. And I touch it on my side. What touches this line on the other side I cannot say for sure. Only this much: As a border the line forms an interface, an axis on which dimensions meet, a kink in the world around which dimensions of reality can fold and unfold.

And what if you do know it? Know it far better than you think? It: the thing, the animal, the growth, the weather, organic and inorganic life. Why should the nature out there go silently about its business? After all, you are a part of it. And it permeates you constantly. Already when your feet get cold and the cold ground slowly creeps up into your body. Roger Caillois writes: “While light is eliminated by the materiality of objects, darkness is ‘filled’; it touches the individual directly, envelops him, penetrates him, and even passes through him”.[1] Like how you are permeated by radio waves. When you do not encounter the world as a foreign body but are in it, why then do we act as if it is an outside, as if a shroud lay over it behind which things live in hiding? As if we constantly called out “hide and seek!” while strolling through nature. But what if it doesn’t hide rather is within and outside us all of the time? Then we would have to learn to understand speculative physics.[2] Or make more art. For what is art when not – since primeval times, when it was still expressly understood as totem and fetish-making – the attempt to make contact with the forces of the material world? Making contact doesn’t mean translation between human and non-human languages (playing a color organ in front of aliens, deciphering ice crystal forms, or language training for cacti[3]). It doesn’t happen like negotiations between two parties. For the connection already exists as long as certain processes take place synchronously in different organisms and things. For instance, plants seem to respond to events in their environment. The pain of an organism in the proximity of a plant is reflected in its quantifiable excitations. In a comparable way electromagnetic frequency patterns can be measured in mustard seeds, which correspond exactly with those of the movement of planets.[4] Thus, if forces, impulses, affects, and oscillations have an effect parallel in the medium of different bodies then there is a type of multimedia mimicry in nature. What chills me to the bone might flow through the leaf veins of a plant in the same moment. And what makes the weather and puts clouds in the sky simultaneously magnetizes the electrons in my cerebral cortex. The music of the spheres sounds multitimbral with one superimposed voice.

There are equally as good reasons on hand for a cautious approach that delineates borderlines as for a speculatively empathetic approach to the nature of the world that retraces mimetic processes. And it is neither a question of choice nor of faith – both forms of knowledge exist today, one way or the other. The real challenge is to find ways of dealing with the fact that the cautious and the mimetic perspectives could be equally true.

The exceptional aspect in the work of Birgit Knoechl is that she opens herself as an artist to exactly this challenge! She enters into a sphere of activity – cautiously drawing lines while designing multimedia mimetic forms – where artifact and nature appear clearly disparate in one moment, whereas in the next they seem to be permeated by mimetic shape similarities, form and frequency resonances. Her approach to the claim of art to presentify the world is, on the one hand, tangible without any pretense. Her work doesn’t say: I am nature. Instead it openly says: I am ink on paper, cardboard, latex coating, silhouette and pattern, work in a medium, not a representation, not a rendering of the real. However, along this clearly drawn dividing line Knoechl allows parallel flows. A geometric object of folded paper or cardboard coated with latex then becomes an object of mathematical fetish magic. In this way it conveys an idea of what might be happening in this moment simultaneously and synchronously to Knoechl’s drawings and objects in other media of nature: in the geometry of things, in the fractal pattern of a plant’s growth, in the mutual overlaps of leaves, or in the rhythm of a membrane movement of an organism in the sea. There are no claims of a higher knowledge to be derived. Quite the opposite. What knowledge means in relation to the things of nature, the forms they can even take on, is a question that Knoechl’s work irrefutably poses when her skeptic agnostic trait comes to the fore, when the artifact closes in upon its meaning and gives you the feeling that you’re not going to know what this thing knows. A feeling that already in the next moment can turn into a risky inkling that your body knows certain forms, resonances, and rhythms better than your consciousness would admit. Risky? Because it probably couldn’t be proven with common means. And because Knoechl rejects the misguided choice between skepticism and mimicry and instead enters the space between them. It is her risk to make an art that clearly exposes the border to nature and at the same time suspends it in the multitimbral harmony of lines and materials with bodies, shapes, volumes, and forces. Without evidence and justification. But with the courage, instinct, and humor of an openness to ontological uncertainty – in other words, truly with the means of art.

Text by Jan Verwoert

translated by www.whysociety.org

[1] Roger Caillois, Mimicry and Legendary Psychasthenia, trans. John Shepley, 1984 [1935], accessed June 6, 2015, http://www.tc.umn.edu/~stou0046/caillois.pdf, p. 30.

[2] For example, in its philosophical interpretation by Karen Barad in: Meeting the Universe Halfway (Durham: Duke University Press, 2007). Thanks to Federica Bueti for reading it to me.

[3] Many para-scientific investigations relapse to the point behind their intuitions, where they once again approach the world of phenomena in a conventional way as an opposite that we could convey something to or elicit something from if we only possessed the code for the information transfer. Iconic examples are the welcoming address to aliens with a cybernetic color organ in Steven Spielberg’s Close Encounters of the Third Kind (1977), the interpretation of water crystal forms as a standardized symbolic language by Masaru Emoto, or scientist Ken Hashimoto’s attempts to teach Japanese to cacti as documented in the film The Secret Life of Plants (1979).

[4] Many convincing examples of such phenomena can be found in the book The Secret Life of Plants by Peter Tompkins and Christopher Bird (New York: Harper & Row, 1973) and the film adaptation by Walon Green (1979) as well as L. George Lawrence’s experiments with mustard seeds. Thanks to Birgit Knoechl for the tip about the book and film!