15 ARCHIVE I – IV_d/en

ARCHIVE I

Module

Versatzstücke, die einer strengen Logik aber nach alle Richtungen hin offenen Systematik folgen, facettenreich; Bausteine, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, um in dessen Endgültigkeit kontinuierlich in Bewegung zu bleiben.

         Natürliche Konstruktionen und künstliche Figuren, im gleichen Maße gegeneinander wie miteinander.

         Hier eine knollenartige Pfropfung, dort zu einem dichten Netz verwoben, sich wieder verflüchtigend, dem Wind beugend, gleichermaßen in die Luft wie in die Erde wurzelnd, sich in alle Richtungen hin ausdehnend, ohne Begrenzung

         Haltlos.

         Hier trichterförmig, dort in hauchdünnen Schichten, das Umfeld verneinend und entgegen jeglicher Nomenklatur, mit sprossenartigen Waffen bestückt, resistent, kultiviert und wieder verwildert – eine durch und durch widerständige Praxis.

 

ARCHIVES I, II, III, IV

Living Archives

Organisch ist nicht nur die Formensprache, die Birgit Knoechl spricht. Organisch, ja geradezu lebendig sind auch die Archive, die sie aus ihrer Arbeit schöpft, die Archive, die sie durch ihre Arbeit hervorbringt, die sie mit ihrer Arbeit erzeugt – jene Archive, die in di­esem Buch vorliegen und zu einem neuem Archiv zusammengefasst sind.

         Aspects of Growth.

         Es handelt sich dabei um Konstellationen des Wissens, eines visuellen Wissens, um niemals alternde Speicher eines kollektiven Bildbewusstseins, um Zusammenfassungen und Konzentrationen, die jedoch stets temporär bleiben, kurzweilig, veränderlich, anpassungsfähig und widersprüchlich.

         Der Wandel, der Umbruch und der Neubeginn sind Birgit Knoechl’s Archiven genauso eingeschrieben wie der Rückgriff auf Bekanntes, das Bewahren, das Konservieren. Auf Zeit angelegte Manifestationsformen kommen und gehen, kommen und gehen wieder.

         Rhizomatische Strukturen.

         Raum besetzen.

         Die Künstlerin sammelt Materialien, Formen und Inhalte, sie mischt sie, sie bringt sie durcheinander, sie ordnet sie nach ihren eigenen Standpunkten – nach dem Rhythmus, den das Material, die Form, der Inhalt von ihr verlangt. Birgit Knoechl’s Archive sind Sammlungen, Ansammlungen. Es sind verdichtete Anhäufungen, durch die die Künstlerin immer weitere, immer neue Narrative produziert, indem sie auf bestehende Erzählungen zurückgreift.

         Birgit Knoechl erzählt von der Welt.

         Die Künstlerin berichtet von den Versatzstücken, die die Welt hervorbringen, und von den Versatzstücken, die gleichermaßen von der Welt hervorgebracht werden. Module, systematisch einsetzbar, um dem System Paroli zu bieten – eine widerständige Praxis. Die Künstlerin erzählt von Mischformen, die Vertrautes zu neuen Kategorien verschmelzen, Hybride, die für das Moment der Verbindung stehen und zur Gänze in der Fusion aufgehen.

         Sie verhandelt Grundformen und ihre facettenreichen Aggregatzustände, ohne sich auf Formen und Zustände zu kaprizieren – denn die Reflexion darüber ist immer erst im Werden begriffen. Line_Shape. Birgit Knoechl macht Schnittstellen sichtbar, sie konstruiert Interfaces, organische, gewachsene, körperliche Membrane, die als Phänomen des Übergangs zur Lebendigkeit ihrer Arbeit beitragen – zu ihren lebendigen Archiven.

ARCHIVE II

Hybrid

Mischformen, die aus Bekanntem Neues generieren; ein Zusammenwurf vertrauter Formen, deren einzelne Bilder durch ihre Differenz zu vibrieren beginnen, scheinbar willkürlich und vermeintlich gewollt; wärmende Fusionen und kühlende Kombinationen; kluge Bündnisse, zweckdienliche Gemeinschaften, aus einem Impuls heraus entstandene Liaisonen; Gebündeltes, Gekreuztes, Verschmolzenes.
         Mehr als zwei Seelen in einer Brust.

         Hier ein Schatten spendender Baldachin, dort spitzblütig, ungleichblättrig und lichtdurchlässig, dem festen Tritt der Spaziergängerin stets untergeordnet, weich und samtig mit umso klarer konturierter Architektur, mehrteilig, seriell. Hier im Moment des Entstehens, zart im Wachsen begriffen, dort in der vollen Blüte des Lebens, bereitwillig und ausladend – im Moment der Verbindung angekommen.

 

ARCHIVE III

Line_Shape

Grundformen und Aggregatzustände: Grundformen, die sich wiederholen, Grundformen, die variieren; Aggregatzustände, die sich wiederholen, Aggregatzustände, die variieren; Körper mit Ecken, Kanten und Flächen; Gebilde aus Linien, die sich aus ihrer Begrenzung zu lösen versuchen und in den Raum drängen.

         Kristallisationskeime.

         Bewegungsenergie, Anziehungskraft und Abstoßung; biomorphe Architekturen und architektonische Biologie; Schicht für Schicht, verdichtet und verfremdet, eine Form ergibt die andere, ein Zustand jagt den nächsten.

         Wachstum.

         Hier radialstrahlig, stängelig und nadelig, dort trauben- oder knospenförmig, knollig, wulstig, buschig. Hier zylindrisch, würfelig, prismatisch, dort schuppig, blättrig, der Form des Glimmer entsprechend – Handlungen, im Werden begriffen.

 

ARCHIVE IV

Interface

Schnittstellen, die filigraner nicht sein könnten; Membrane, durchlässig, undurchlässig, semipermeabel und Grenzflächen in Schwingung versetzend; Zwischenstücke, die die eine von der anderen Seite trennen wie sie die beiden Seiten miteinander in Beziehung setzen; obsolete Benutzeroberflächen, die aus ihrem Kontext gerissen wurden, Benutzeroberflächen, die ihrer Schaltzentrale abhanden gekommen sind, die sich nicht verabschiedet haben, die jetzt ihr eigenes Leben leben.

         Brücken, Stege und Verbindungslinien.

         Hier vor wenigen Minuten noch Mitten in der Funktion, dort die Wurzeln ausgefahren, jedoch ohne sich jemals wieder festsetzen zu wollen. Hier eine Sollbruchstelle, dort auf Tuchfühlung mit immer neuen Möglichkeiten, offene Wunden und Nähte – Phänomene des dauerhaften Übergangs.

Text by Franz Thalmair

published in ASPECTS OF GROWTH – BIRGIT KNOECHL / 2015 / Vfmk Verlag für moderne Kunst


ARCHIVE I

Module

Elements that follow a strict logic yet an open system in all directions, multifarious; building blocks that coalesce into a whole only to remain in constant motion in its definitive state.

                  Natural constructs and artificial figures, with and against one another to the same degree.

Here a tuberous graft; there a tightly woven web, dissipating once again, curtsying to the wind, rooted both in the air and the earth, expanding in all directions, without borders.

                  Relentless.

Here funnel-shaped; there razor-thin layers, negating the surroundings and contrary to all nomenclature, fitted with scion-like weapons, resistant, cultivated, and running feral again – through and through a resistant practice.

 

ARCHIVES I, II, III, IV

Living Archives

Organic not only describes the formal language that Birgit Knoechl speaks. Organic, when not living, are also , the archives that she brings forth through her work, that she generates with her work – those archives presented in this book and compiled into a new archive.

                  Aspects of Growth.

They are constellations of knowledge, a visual knowledge, never-aging reservoirs of collective image consciousness, condensations and concentrations, which – however – always remain temporary, ephemeral, variable, adaptable, and contradictory.

                  Change, upheaval, and new beginnings are equally inscribed into the archives of Birgit Knoechl as are resorts to the familiar, preservation and conservation. Fleeting manifestations come and go, come and go.

                  Rhizomatic structures.

                  Occupy space.

The artist collects materials, forms, and contents; she mixes them, confounds them; she orders them according to her own points of view – according to the rhythm that the material, form, and content ask of her. Birgit Knoechl’s archives are collections, aggregations. They are condensed accumulations the artist employs to produce evermore new narratives by drawing from existing stories.

                  Birgit Knoechl tells of the world.

The artist reports on the elements that institute the world and likewise on the elements that are instituted by the world. Modules, systematically deployable to counter the system – a resistant practice. The artist tells of mixed forms that conflate the familiar into new categories, hybrids that stand for the aspect of connection and merge completely in the fusion.

She negotiates basic forms and their multifaceted aggregate states without insisting upon forms and states – for the reflection upon them is always nascent. Line_Shape. Birgit Knoechl makes interfaces visible; she constructs organically grown physical membranes, which contribute to the liveliness of her work – to her living archives – as phenomena of transition.  

 

ARCHIVE II

Hybrid

Mixed forms that generate something new from the familiar; a culmination of common forms whose images begin to vibrate in their difference, apparently random and supposedly intentional; warming fusions and cooling combinations; astute alliances, expedient collectives, liaisons forged by an impulse; bundled, crossed, fused.

More than two souls in one chest.

                  Here a shadowing baldachin; there sharp-flowered, unevenly leafy and translucent, always subordinate to the firm tread of the walker, soft and velvety with all the more clearly contured architecture, multi-part, serial. Here in the moment of emergence, conceived in delicate growth; there in the full blossom of life, willing and expansive – harbored in the moment of connection.

 

ARCHIVE III

Line_Shape

Basic forms and aggregate states: basic forms that repeat, basic forms that vary; aggregate states that repeat, aggregate states that vary; bodies with corners, edges, and surfaces; entities of lines trying to disengage their limitations and surge into space.

                  Seeds of crystallization.

Kinetic energy, and repulsion; biomorphous architecture and architectonic biology; layer for layer, condensed and alienated, one form leads to the other, one state pursues the other.

                  Growth.

Here radial, stalky, and needle-like; there grape or bud-like, bulbous, bulging, bushy. Here cylindrical, cubic, prismatic; there scaly, leafy, following the form of mica – actions in progress.

 

ARCHIVE IV

Interface

In-betweens that couldn’t be more filigree; membranes, permeable, impermeable, semi-permeable, and setting boundary surfaces in oscillation; intermediates separating one side from the other while correlating both with each other; obsolete user interfaces extracted from their context, user interfaces their control center lost, haven’t been discharged, and now live their own life.

Bridges, links, and connecting lines.

                  Here totally functional just a few minutes ago; there the roots have been pulled out, yet with no desire of ever sticking them back in. Here a predetermined breaking point; there close contact with continuously new prospects, open wounds and sutures – phenomena of permanent transition.

translated by www.whysociety.org